27 April 2026, 18:21

Warum die Kapitalismuskritik seit den 1970ern an Kraft verlor – ein neuer Blick auf die Krise

Ein Plakat mit der Aufschrift "Die Volksversammlung gegen die Austerität" in fetter, schwarzer Schrift in der Mitte eines weißen Hintergrunds mit einem schwarzen Rahmen.

Warum die Kapitalismuskritik seit den 1970ern an Kraft verlor – ein neuer Blick auf die Krise

Krise der Kapitalismuskritik? Ein neuer Sammelband untersucht, warum die Kritik am Kapitalismus seit den 1970er-Jahren an Schlagkraft verloren hat

"Krise der Kritik? Kapitalismusgegner im neoliberalen Zeitalter" stellt die gängige Annahme infrage, dass allein der Neoliberalismus für diesen Niedergang verantwortlich ist. Der von Felix Dümcke, Flemming Falz und Tim Schanetzky herausgegebene Band argumentiert, dass auch die Schwächen der Neoliberalismus-Kritiker selbst analysiert werden müssen, um die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten fünf Jahrzehnte zu verstehen.

Das 355 Seiten starke Werk, erschienen im Wallstein Verlag, beleuchtet, wie sich die Kapitalismuskritik im Zuge neoliberaler Umbrüche gewandelt – und oft an Wirksamkeit eingebüßt hat. Es hinterfragt, ob die Fixierung auf den Neoliberalismus als alleiniges Feindbild nicht sogar eine breitere Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus selbst behindert hat.

Die Aufsätze des Bandes zeichnen die Entwicklung der Kapitalismuskritik von der Mitte der 1970er-Jahre bis zur Jahrtausendwende nach. Statt den Neoliberalismus als monolithische Ideologie zu betrachten, zeigen die Autor:innen seine zersplitterte Natur auf. Historische Studien belegen, dass selbst sozialdemokratische und linksliberale Akteure in Krisenzeiten neoliberale Reformen übernahmen – was die Erzählung vom Neoliberalismus als rein rechtem Projekt relativiert.

Der Wandel von einer systemischen zu einer konsumorientierten Kritik setzte dabei früher ein als oft angenommen. Schon während des Nachkriegbooms gewann die Konsumkritik an Bedeutung, noch bevor der Neoliberalismus an Einfluss gewann. Die Proteste von 1968 etwa verbanden strukturelle Kapitalismuskritik mit Forderungen nach mehr Konsumfreiheit und alternativen Lebensentwürfen. Diese Doppelfokussierung spiegelte die inneren Widersprüche der linken Bewegungen wider.

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Der Band würdigt auch spätere Entwicklungen wie die Gründung der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) in den 1990er-Jahren. Statt einen radikalen Antikapitalismus zu reaktivieren, verband die PDS identitätspolitische Ansätze mit gemäßigter keynesianischer Wirtschaftspolitik. Dieser Kurs stand exemplarisch für den allgemeinen Rückgang fundamentaler Kapitalismuskritik, die zunehmend fragmentierter und weniger ambitioniert wurde.

Die Herausgeber:innen betonen, dass die Dominanz des Neoliberalismus sich nicht allein durch wirtschaftliche Umstrukturierung oder ideologische Prägung erklären lässt. Vielmehr war auch die Kritik am Neoliberalismus selbst oft zu eng gefasst – sie behandelte ihn als abgrenzbare Phase statt als Symptom tieferliegender kapitalistischer Dynamiken. Eine schlagkräftigere Kritik, so ihr Plädoyer, erfordere eine Auseinandersetzung mit ökonomischer Theorie statt bloßer Ablehnung neoliberaler Politik.

Der Sammelband kommt zu dem Schluss, dass die Krise der Kritik nicht nur Folge der Stärke des Neoliberalismus ist, sondern auch der Schwächen seiner Gegner:innen. Durch die zu starke Konzentration auf den Neoliberalismus als spezifische Spielart des Kapitalismus könnten Chancen vertan worden sein, das System als Ganzes in Frage zu stellen. Das Buch fordert eine erneuerte theoretische Beschäftigung mit ökonomischer Kritik, um progressive Widerstandsbewegungen neu zu beleben.

Als Hardcover für 38 Euro erhältlich, bietet der Band eine detaillierte Bestandsaufnahme, wie kapitalismuskritische Strömungen sich entwickelt haben – und warum es ihnen bisher nicht gelang, ihren einstigen Einfluss zurückzugewinnen.

Quelle